Flüsterdolmetschen

chuchotage
12. Februar 2018 / Tetras Translations

Für einige ist es einfach nur seltsam, für andere hingegen geradezu grotesk. Trotzdem ist Flüsterdolmetschen eine beliebte und kosteneffektive Dolmetschtechnik. Haben Sie schon davon gehört?

Allgemein gelten die zwei häufigsten Arten des Dolmetschens als anerkannt: Konsekutiv- und Simultandolmetschen. Beim Konsekutivdolmetschen beginnt der Dolmetscher erst dann mit dem Dolmetschen, wenn der Sprecher seinen Vortrag unterbricht und ihn sprechen lässt; daher ist es recht zeitaufwändig. Beim Simultandolmetschen dagegen redet der Dolmetscher gleichzeitig wie der Sprecher mit einer Verzögerung von 2–3 Sekunden. Dies ist dank spezieller technischer Ausstattung möglich, wozu insbesondere Headsets, Mikrofone und Dolmetscherkabinen gehören. Daher sind die Kosten höher. Flüsterdolmetschen bedeutet, dass der Dolmetscher simultan oder konsekutiv direkt in das Ohr des Zuhörers flüsternd dolmetscht.

Irgendwo zwischen Cortés und den Nürnberger Prozessen

Dolmetscher waren im alten Ägypten, in Babylon und anderen Regionen, in denen Menschen unterschiedlicher Kulturen, Völker und Sprachgruppen gemeinsam lebten, hoch angesehen. Sie ermöglichten die Kommunikation auf Gebieten wie Handel, Armee, Diplomatie und Religion. Pharao Horemheb oder Konquistador Hernan Cortés kannten damals weder Headsets noch Mikrofone. Dialoge wurden vielleicht Satz für Satz oder in kurzen Passagen übertragen.

Die Wahrnehmung des Dolmetscherberufs veränderte sich im Laufe der Zeit nachhaltig. In den 20er Jahren verboten es die guten Manieren dem Dolmetscher, den Sprecher zu unterbrechen. Möglicherweise dauerte eine Rede zwei Stunden lang. Zu den Werkzeugen des Dolmetschers gehörten damals ein gut geschultes Gedächtnis oder spezielle Notiztechniken. Wenn kein Papier mehr übrig war, mussten die Hemdsärmel als Ersatz herhalten. Erst in den Nürnberger Prozessen wurde erstmals das uns heute bekannte Simultandolmetschen eingesetzt. Bis zu der Zeit, als das Simultandolmetschen aufkam, wurde Flüsterdolmetschen eingesetzt.

Flüsterdolmetschen – wann, wo und warum

Flüsterdolmetschen oder Flüstern wird auch als Chuchotage bezeichnet, ein französischer Begriff. Der Dolmetscher flüstert in das Ohr des Zuhörers. Ich möchte Ihnen dafür ein Beispiel geben. Wenn eine Konferenz in Deutschland stattfindet und die Teilnehmer Englisch sprechen, werden Simultandolmetscher gebucht. Es werden zwei professionelle Dolmetscher und die nötige technische Ausrüstung bestellt. Einer der Teilnehmer aber kommt aus Spanien und versteht kein Englisch. Daher buchen die Organisatoren auch einen professionellen Dolmetscher zum Flüsterdolmetschen. Der Dolmetscher sitzt hinter oder neben dem Spanisch sprechenden Konferenzteilnehmer. Er beugt sich hinüber zum Zuhörer und flüstert direkt in dessen Ohr. So erfolgt die Informationsübermittlung.

Meistens wird Flüsterdolmetschen genau deshalb angewandt, weil es für den Kunden kostengünstig ist. Es wäre sinnlos, zwei weitere Dolmetscher zu buchen (es gibt zwei in jeder Kabine, die sich abwechseln), um für nur einen Teilnehmer zu dolmetschen.

Flüsterdolmetschen wird nicht nur bei Konferenzen eingesetzt, sondern auch bei Behörden, beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen, Strafverfahren, auf Ämtern, bei der Polizei, in Krankenhäusern oder im Kino und Theater. Viele betrachten es als nur eine Unterkategorie des Simultandolmetschens. Doch die UNO und die Europäische Union sehen es als einen der Haupttypen des Konferenzdolmetschens an. Es ist eine Technik, die auch die Generaldirektion Dolmetschen und das Europäische Parlament anerkennen und anwenden. Daher ist es verwunderlich, dass Flüsterdolmetschen kein Teil der Ausbildung künftiger professioneller Dolmetscher ist. Die Studienpläne enthalten häufig zwei Hauptkategorien – Simultan- und Konsekutivdolmetschen – während die Studenten mit Chuchotage selbst zurechtkommen müssen.

Übersetzungs- und Dolmetscheragenturen bieten Simultan- und auch Konsekutivdolmetschen (also Segment für Segment) an. Einige Theoretiker stimmen zu, dass Flüsterdolmetschen einzigartig genug ist, um eine eigene Kategorie zu bilden, denn der Dolmetscher:

  • dolmetscht durch Flüstern direkt ins Ohr,
  • sitzt im Publikum,
  • hat keine Zeit für Notizen,
  • hat keinen Platz für Wörterbücher oder andere Materialien,
  • hat keine technische Ausrüstung.

Flüsterdolmetschen erfordert auch besondere Fähigkeiten. Es gibt keine Schalldämmung zwischen dem flüsternden Dolmetscher und den anderen Teilnehmern. Genauso wie das Publikum den Dolmetscher stören kann, kann auch der Dolmetscher das Publikum stören. Es kommt oft genug vor, dass andere Teilnehmer den Dolmetscher laut auffordern, leiser zu sprechen. In einigen Fällen ist es unmöglich, das Zielpublikum vom übrigen Publikum zu trennen.

Flüsterdolmetschen in der Praxis

Ich erinnere mich recht gut an meine erste Erfahrung mit Flüsterdolmetschen. Als ich mich zu meiner Freundin im Krankenhaus hinüberbeugte, sah sie nicht mehr den Arzt an, sondern stattdessen mich. Ihre Augen fragten Warum flüsterst du mir ins Ohr? Sie war verwirrt und wusste nicht, ob sie mir oder dem Arzt zuhören sollte, obwohl sie ihn gar nicht verstand. Der Arzt schien ebenfalls verwirrt zu sein. Es gab einen Moment, als wir beide – Mädchen – einander anschauten und ihn nicht mehr beachteten. Meine Freundin hatte erwartet, dass ich erst anfangen würde, nachdem der Arzt zu Ende gesprochen hatte, so wie sie es von Filmen her kennt. Am Ende war alles in Ordnung.

Etwas Ähnliches passierte meiner Freundin bei einer Konferenz. Sie war die Dolmetscherin für eine spanische Teilnehmerin, für die sie flüsternd dolmetschte. Nach etwa zehn Minuten drehte sich die Spanierin zu ihr um und fragte sie, wo diese Technik gelehrt würde, wie sie sie beherrschen könne und wie es möglich sei, so fließend zu dolmetschen usw. Sie war mehr am Flüsterdolmetschen als am Konferenzthema interessiert. Die Dolmetscherin lächelte ein wenig, brachte ihre Aufgabe zu Ende und erklärte der neugierigen Teilnehmerin im Anschluss an die Veranstaltung das Geheimnis von Chuchotage.

Nicht jeder Dolmetscher ist bereit, flüsternd zu dolmetschen. Dolmetschen an sich ist einer der körperlich und mental anspruchsvollsten Berufe überhaupt. Und stellen Sie sich vor, dazu auch noch zwei Stunden lang flüstern zu müssen und die Blicke anderer auf sich zu ziehen, die sich von Ihnen gestört fühlen. Nicht einfach, aber auch nicht unmöglich. Manchmal reicht ein Bisschen Verständnis und Respekt von anderen Mitmenschen.